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Reinliche Partikel
Komplexe Nanopartikel und ein Magnet reinigen Schmutzwasser

Ulm University

In Deutschland hat sich die WasserqualitĂ€t in FlĂŒssen und Seen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. In vielen LĂ€ndern der Erde wird diese GĂŒte jedoch lĂ€ngst nicht erreicht. Außerdem können Umwelt- und Naturkatastrophen GewĂ€sser stark belasten. „In solchen FĂ€llen tritt oft eine ganze Reihe möglicher Verunreinigungen auf, von organischen und anorganischen Stoffen bis hin zu Bakterien“, erklĂ€rt Professor Carsten Streb, Leiter des Instituts fĂŒr Anorganische Chemie 1 der UniversitĂ€t Ulm. Hinzu kommen die heute fast allgegenwĂ€rtigen Mikroplastikpartikel.

Verschmutztes Wasser ĂŒber Filtration zu reinigen, ist zwar ein bewĂ€hrtes Verfahren, aber es hat Nachteile: es ist zeitaufwĂ€ndig und fĂŒr große Wassermengen nur bedingt geeignet, weil fĂŒr unterschiedliche Schadstoffklassen meist spezielle Filter benötigt werden. Die Ulmer Forscherinnen und Forscher strebten daher ein Material an, das mehrere Schadstoffklassen aufnehmen sollte. „Unser ursprĂŒngliches Ziel war ein hochporöses Material, dem wir an seiner OberflĂ€che zusĂ€tzliche Bindungseigenschaften gegeben haben“, erklĂ€rt Archismita Misra. Die Ulmer Doktorandin ist Erstautorin der Studie, die zur Entwicklung dieses besonderen Wasserfilters kĂŒrzlich in der Fachzeitschrift „Angewandte Chemie“ veröffentlicht wurde.

Diese „Bindungsfreude“ gelang dem Forscherteam ĂŒber eine eigens fĂŒr diesen Zweck entwickelte, sogenannte ionische FlĂŒssigkeit. „Das ist im Prinzip ein flĂŒssiges Salz“, so Streb. Im Gegensatz zu Kochsalz ist diese Verbindung bei Raumtemperatur flĂŒssig, wĂ€hrend Kochsalz einen Schmelzpunkt von mehreren Hundert Grad hat. Wie jedes Salz besteht auch diese ionische FlĂŒssigkeit aus positiv geladenen Kationen und negativ geladenen Anionen. WĂ€hrend die Kationen bei dieser Anwendung insbesondere antimikrobielle Wirkung besitzen, binden die Anionen Schwermetalle. Weil die FlĂŒssigkeit eine Ă€hnliche Konsistenz wie Honig besitzt, wirkt sie zudem klebrig und bindet im Wasser enthaltene Mikroplastikpartikel.

Im wahrsten Sinne des Wortes: ein Schmutzmagnet

Das so entwickelte Pulver bewies im Labor zwar bereits gute Reinigungseigenschaften, der Durchbruch hin zu möglichen großtechnischen Anwendungen gelang Strebs Gruppe im Anschluss auf der Basis einer Idee von Professor Robert GĂŒttel. Der Leiter des Instituts fĂŒr Chemieingenieurwesen der UniversitĂ€t Ulm schlug vor, die beschichteten Filterpartikel mit einem magnetisch wirkenden Eisenoxidkern auszustatten. Der Effekt: die mit Verunreinigungen behafteten Partikel können ĂŒber einen Magneten wieder aus dem Wasser geholt werden. „Damit gelingt es, viel grĂ¶ĂŸere Wassermengen in kĂŒrzerer Zeit zu filtrieren“, erklĂ€rt Professor Streb.

Die denkbaren Einsatzgebiete fĂŒr diese neuentwickelten Reinigungspartikel sind vielfĂ€ltig. Sie könnten in KlĂ€ranlagen eingesetzt werden, um beispielsweise Mikroplastik aus dem Wasser zu filtern. Auch dezentrale Nutzung, etwa bei der Reinigung verschmutzter GewĂ€sser, sei denkbar. „Wir haben schon frĂŒh in der Entwicklung großen Wert auf die Skalierbarkeit gelegt“, sagt Streb. Die Filtrationspartikel sollten nicht zuletzt auch ein wirtschaftlich interessantes Verfahren ermöglichen.

Das Material ist einfach und gĂŒnstig wiederzuverwerten

Hinzu kommt der Recylinggedanke. Professor Streb dazu: „Mit Hilfe bestimmter Lösungsmittel können wir die Partikel nach dem Reinigungsschritt waschen und die Schadstoffe abtrennen.“ Die Wiederverwertung der Partikel habe bereits frĂŒh zum Kern der Entwicklung gezĂ€hlt. Neben Streb und GĂŒttel gehörte Dr. Scott G. Mitchell von der UniversitĂ€t Saragossa zu den Studienleitern. Der Biochemiker brachte sein Fachwissen zur antimikrobiellen Wirkung der ionischen FlĂŒssigkeit mit ein.

Mit den Erfolgen im Labormaßstab ist aus Strebs Sicht nun ein Zwischenschritt erreicht: „Das ist erst der Anfang, im nĂ€chsten Schritt wollen wir die Partikel im realen Einsatz testen.“ Erprobt werden könnten die Partikel zum Beispiel in einem verunreinigten Teich, auch um zu erforschen, wie sich die Filterpartikel im Kontakt mit Algen oder anderen natĂŒrlichen Schwebteilchen verhalten.

Literaturhinweis:

Archismita Misra, Christian Zambrzycki, Gabriele Kloker, Anika Kotyrba, Montaha H. Anjass, Isabel Franco Castillo, Scott G. Mitchell, Robert GĂŒttel and Carsten Streb: Water Purification and Microplastics Removal using Magnetic Polyoxometalate Supported-Ionic Liquid Phases (magPOM-SILPs), Angewandte Chemie,

Text: Jens Eber

Vorher-Nachher-Wasserreinigung (Foto: Archismita Misra / UniversitĂ€t Ulm): links im Bild ein BehĂ€lter mit Wasser, das mit Mikroplastik-Partikeln verschmutzt ist, rechts das „saubere“ Wasser, das mithilfe magnetischer Nanopartikel gereinigt wurde
Vorher-Nachher-Wasserreinigung (Foto: Archismita Misra / UniversitĂ€t Ulm): links im Bild ein BehĂ€lter mit Wasser, das mit Mikroplastik-Partikeln verschmutzt ist, rechts das „saubere“ Wasser, das mithilfe magnetischer Nanopartikel gereinigt wurde
Ein Eisenoxidkern macht die Nanopartikel magnetisch.
Ein Eisenoxidkern macht die Nanopartikel magnetisch. Auf dem Bild erscheinen diese als rotbraune Partikel, die sich unter Einwirkung eines Magneten zum Rand hin bewegen lassen (Foto: Archismita Misra / UniversitÀt Ulm)
Prof. Carsten Streb (Foto: Elvira Eberhardt / Uni Ulm)
Prof. Carsten Streb (Foto: Elvira Eberhardt / Uni Ulm)